Grundlagen der Montessoripädagogik

Die sensiblen Phasen

Montessori beobachtete in ihrer Arbeit mit Kindern sensible Phasen. In diesen besonderen Zeiträumen lernen Kinder mit Lust und Leichtigkeit bestimmte Fähigkeiten, die sie zu anderer Zeit mit viel Mühe, willentlicher Anstrengung und weniger Freude erlernen würden. Sie zog daraus die Schlussfolgerung, dass jedes Kind seinem Temperament und seinem inneren Rhythmus entsprechend lernen und arbeiten kann.

Die erste Entwicklungsphase (0-6 Jahre, Zeit des Aufbaus) wird auch als »Der absorbierende Geist« bezeichnet. Sie ist durch die besondere Sensibilität des Kindes für die Entwicklung der Motorik, der Sensorik, der Sprache und des Ordnungssinns gekennzeichnet. Der Tagesablauf, die Materialien, also auch die räumliche Organisation des Kinderhauses bieten vielfältigste Lern- und Entwicklungsanreize, fördern die Grob- und Feinmotorik und sind auf die Sinnes- und Sprachentwicklung abgestimmt.

In der zweiten Entwicklungsphase (6-12 Jahre, Zeit des Ausbaus) ist die Sensibilität der Kinder für die Erfahrung der realen Umwelt, für die Entwicklung des Abstraktionsvermögens, des Gewissens sowie der Moral besonders hoch. Kinder dieses Alters zeigen ein intensives Bedürfnis, die Zusammenhänge der Welt zu erkennen und die Gründe des Seins zu erforschen und zu durchschauen. Sie möchten moralische Wertungen wie »Gut und Böse« im gemeinschaftlichen Zusammenleben neu erfahren.
In der Schule treten das fächerübergreifende Lernen in unterschiedlichen Sozialformen und der Umgang mit realen Materialien in den Vordergrund.

Die dritte Entwicklungsphase (12-18 Jahre, Zeit des Umbaus) ist gekennzeichnet durch das Bedürfnis der Heranwachsenden, einerseits Selbstvertrauen durch eigene schöpferische Tätigkeit zu entwickeln und andererseits den Schutz und die Geborgenheit in einer sozialen Gemeinschaft (Peergroup) zu erfahren. Die Individualisierung der eigenen Person geht teilweise mit einer starken Abgrenzung zu einem Teil des sozialen Umfeldes einher.

Die Schule wird als »Erfahrungsschule des sozialen Lebens« erlebt.

In der vierten Entwicklungsphase (18-24 Jahre) reift die Persönlichkeit der Jugendlichen. Sie vervollkommnen die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und für deren Konsequenzen einzustehen. Die erworbenen (Er-)Kenntnisse werden genutzt, um für sich selbst und andere zu sorgen. Sie erlangen das Potenzial, eine eigene Familie zu gründen.

Die vorbereitete Umgebung

Mit den der Entwicklungsstufe entsprechenden bereitgestellten Materialien und Lernanreizen, zeitlichen und räumlichen Bedingungen stellt die vorbereitete Umgebung eine unabdingbare Grundlage für den selbstbestimmten Lernprozess dar. Sie unterstützt die Kinder und Jugendlichen bei der Aufgabenfindung und ermöglicht Selbstkontrolle der erreichten Ergebnisse. Die Umgebung muss nicht nur eine bestimmte Ordnung, sondern auch ein bestimmtes Maß haben – Interesse und Konzentration wachsen in dem Grad, wie Verwirrendes und Überflüssiges weggelassen werden.

Die Freiheit des Kindes

Nach Maria Montessoris Auffassung kann eine wahre und innere Freiheit nicht gegeben oder erobert werden, es kann sie nur jeder in sich selbst aufbauen als ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Das Streben des Kindes nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit geht dem voraus. Dazu müssen Interventionen und Beschränkungen, die voll guter Absicht auferlegt wurden, fallen. Statt erwarteter Anarchie, ist Freiraum da, Zuvorkommenheit, Respekt und Ordnung wachsen zu lassen. Diese Fürsorge muss Montessoris Meinung nach im frühesten Alter beginnen. Zu einer Zeit, wo das Kind noch vor allem durch Impulse seiner Natur geleitet wird. Man sollte nicht warten, bis es das Vernunftalter erreicht, um ihm die Bedeutung und die Würde der Freiheit zu erklären.

Die Arbeit

Im Idealfall ist die Arbeit des Kindes und Jugendlichen eine Aktivität, die weder mit der Belehrung noch mit dem Wunsch des Erwachsenen zusammenhängt. In einer vorbereiteten Umgebung vereint sich die Arbeit mit dem intrinsischen Impuls des Lernenden. Sie arbeiten voll tiefem Interesse. Sie werden nicht müde von der Arbeit, sondern glücklich. Erzwungene Arbeit hingegen schadet dem Kind oder Jugendlichen, weil durch sie der erste Arbeitswiderwille entsteht.

Die Freiarbeit

Meist gehen der Freiarbeit (die über mehrere Wochen gehen kann) Darbietungen durch die Pädagoginnen voraus. Sie zeigen und erläutern große Zusammenhänge (wie »Die Entstehung der Erde«) oder auch einzelne Materialien (wie »Das Wirken der Luft«) in Form von Darbietungen für eine Gruppe von Lernenden.

Die Kinder und Jugendlichen arbeiten dann selbstständig nach freier Wahl, allein oder in Gruppen und so lange, wie sie es wünschen. Innerhalb der sensiblen Phasen bestimmt das Kind bzw. der Jugendliche selbst das Thema, das Tempo und das Verfahren seines Lernens. Diese Form des Lernens nennt Maria Montessori »Freiarbeit«. Freiarbeit schließt sowohl den Erwerb neuer Inhalte als auch die entsprechende Selbstkontrolle mithilfe des Materials ein.

Die durch die Freiarbeit gewonnene Fähigkeit des selbstständigen Erarbeitens von Lerninhalten ist die Basis für Projektarbeit.

Die Polarisation der Aufmerksamkeit

Besonders wenn Lernende sich ihre Inhalte selbst gewählt haben, gibt es die Chance, Zeiten höchster Konzentration und Versunkenheit in ein Thema bei ihnen zu erleben. Äußere Störungen erreichen sie nicht. Wenn sie aufhören zu arbeiten, dann ganz unabhängig von den Ablenkungen um sie her, zufrieden, als ob sie von einem erquickenden Schlaf erwacht wären.

Das ist offenbar der Schlüssel der ganzen Pädagogik: diese kostbaren Augenblicke der Konzentration zu erkennen und nicht zu stören!

Die Jahrgangsmischung

Maria Montessori beobachtete weiterhin, dass Kinder sich besser in altersgemischten Lerngruppen zu sozialen und verantwortungsvollen Menschen entwickeln. Die Kinder und Jugendlichen erhalten dadurch die Möglichkeit in einer Weise von- und miteinander zu lernen, die in einer altershomogenen Gruppe in dieser Art nicht gegeben ist. Sie erfahren sich immer wieder in wechselnden Rollen, was einer Rollenfixierung in gruppendynamischen und Lernprozessen entgegenwirkt. Diese Flexibilität ermöglicht den Kindern und Jugendlichen eine breitere Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Zudem bringt die Altersmischung den Abbau von Hierarchien nach Leistung und Konkurrenzverhalten mit sich. Auch das Auflösen der Potenzierung von altersspezifischen Besonderheiten und Problemen ist ein Vorteil.

Fließende Übergänge und Inklusion

Offene Bildungsstrukturen innerhalb von Kinderhaus und Schule orientieren sich an dem individuellen Fortschreiten des Lernenden. Sie ermöglichen einen stufenlosen und zeitlich flexiblen Übergang von einer Entwicklungsphase in die darauf folgende. Dazu erfolgt eine genaue Beobachtung und Analyse der jeweiligen Lernvoraussetzungen und -erfolge durch den Pädagogen. Die Inklusion von Schülern und Schülerinnen mit besonderen Bedürfnissen, wie Hochbegabung, sonderpädagogischem Förderbedarf oder nichtdeutscher Herkunftssprache ist durch unser Konzept der inneren Differenzierung gewährleistet.

Die Montessori-Pädagogen

In allen Montessori-Einrichtungen erfolgt die Begleitung nach dem Verlangen des Kindes: »Hilf mir, es selbst zu tun!« Diesen Grundsatz erkannte Montessori als die zentrale kindliche Forderung gegenüber den Pädagogen. Sie verband damit die Verpflichtung, jedem Kind auf der ihm eigenen Weise das Heranwachsen zu ermöglichen.

Die Kinder und Jugendlichen sind durch ihre Leistungen beim Lernen und Arbeiten motiviert und bedürfen nicht der Bewertung von außen. Eine Einmischung in die selbst kontrollierte Auseinandersetzung mit der Umwelt kann sich hemmend auf die Entwicklung und damit auf den Lernerfolg auswirken. Bei Bedarf bietet der Montessori-Pädagoge Hilfe und Unterstützung an.

Die Pädagogen beobachten und dokumentieren die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Sie werden erst aktiv, wenn wirklich Hilfe benötigt wird. Sie ziehen sich zurück, wenn der Lernende in Beziehung zu seiner Umgebung getreten ist. Er wird nicht gestört, auch nicht, wenn er Fehler macht, sich ausruht oder andere bei der Arbeit beobachtet.

Die Pädagogen stehen für Fragen zur Verfügung und können zum Gespräch eingeladen werden. Ihre entspannte, ruhige Gegenwart bietet den Lernenden Sicherheit.

Immer muss die Haltung des Pädagogen die der positiven Grundeinstellung bleiben. Dem Kind gehört der erste Platz und der Lehrer folgt ihm und unterstützt es. Er muss auf seine Aktivität zugunsten des Kindes verzichten. Er muss passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann. Er muss dem Kind die Freiheit geben, sich äußern zu können; denn es gibt kein größeres Hindernis für die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit als einen Erwachsenen, der mit seiner ganzen überlegenen Kraft gegen das Kind steht.

Es handelt sich bei der Haltung des Erwachsenen dem Kind gegenüber um die Begrenzung des Einschreitens. Dem Kind muss geholfen werden, wo das Bedürfnis für Hilfe da ist. Doch schon ein Zuviel dieser Hilfe stört das Kind.

Das Elternhaus

Die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagogen ist unerlässlich, um den Kindern und Jugendlichen eine kontinuierliche Entwicklung zu ermöglichen. Dazu bedarf es einer gemeinsamen Grundhaltung ihnen und dem Lernen gegenüber. Stimmt diese Grundhaltung zwischen Pädagogen und Eltern nicht mehr überein, ist der Lernprozess empfindlich gestört.